Nadelstichverletzungen (NSV) - Kleiner Stich – Große Wirkung?

Erhebung zu Nadelstichverletzungen an den Kliniken in Oberfranken in den Jahren 2015 bis 2017 - eine Auswertung des Gewerbeaufsichtsamtes in Coburg - Gewerbeärztlicher Dienst
Dr. Marion Huke, Dr. Johannes Wittmann

Nach Schätzungen der „Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz“ kommt es in Europa jedes Jahr zu ca.1 Million Nadelstichverletzungen (NSV) (Literaturangabe:

Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA-EU): Vermeidung von Verletzungen durch scharfe/spitze Instrumente am Arbeitsplatz. Available at: . Last accessed on 27 October 2012)

Nur ein geringer Prozentsatz dieser vermeintlichen Bagatellverletzungen wird überhaupt gemeldet und nachverfolgt.

Definition Nadelstichverletzung

Als Nadelstichverletzung (NSV) bezeichnet man Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzungen mit scharfen oder spitzen medizinischen Instrumenten (wie beispielsweise Kanülen, Lanzetten, Skalpelle), die durch Blut oder andere Körperflüssigkeiten des Patienten verunreinigt sein können sowie Blutkontakte mit nichtintakter Haut und Schleimhautkontakte (Auge, Mund, Nase) (1).

In Deutschland besteht ein berufliches Infektionsrisiko gegenüber Hepatitis B für ca. 2,1 Mio. Mitarbeiter, gegenüber Hepatitis C für ca. 926.000 und gegenüber HIV für ca. 327.000 Mitarbeiter (Literaturangabe: Prüss-Üstün A, Rapiti E, Hutin Y: Estimation of the global burden of
disease attributable to contaminated sharps injuries among healthcare
workers. Am J Ind Med 2005; 48: 482–90). Unsere Erhebungen im Zeitraum 01.01.2015 bis 31.12.2017 in den Kliniken/Klinikverbänden in Oberfranken belegen 1.950 dokumentierte Nadelstichverletzungen (Grafik 1).

Grafik 1: Anzahl der registrierten NSV je Klinik/Klinikverband in absoluten Zahlen

Grafik1: Anzahl der registrierten NSV je Klinik/Klinikverband in absoluten Zahlen

 

Klinisch tätige Mitarbeiter/innen haben nach unserer Auswertung ein hohes Risiko eine NSV zu erleiden. So sind nicht nur Mitarbeiter/innen in operativen Bereichen betroffen, nahezu in allen Fachbereichen können sich Mitarbeiter verletzen (Grafik2).

Grafik 2: Detaillierte exemplarische Darstellung der von NSV  am häufigsten betroffenen medizinischen Fachgebiete

Grafik2: Detaillierte exemplarische Darstellung der von NSV am häufigsten betroffenen medizinischen Fachgebiete

 

Charakteristika sicherer Instrumente (Sicherheitsgeräte zur Verhütung von Stich- und Schnittverletzungen nach TRBA 250)

  • Sie dürfen weder Patienten noch Beschäftigte gefährden.
  • Sie müssen einfach und anwendungsorientiert zu benutzen sein.
  • Der Sicherheitsmechanismus ist Bestandteil des Systems und kompatibel mit anderem Zubehör.
  • Die Aktivierung des Sicherheitsmechanismus muss:
    • selbstauslösend sein oder einhändig erfolgen können,
    • sofort nach Gebrauch möglich sein,
    • einen erneuten Gebrauch ausschließen und
    • durch ein deutliches Signal (fühlbar, sichtbar oder hörbar) gekennzeichnet sein.

 

Foto: Auswahl sicherer Instrumente (Sicherheitsgeräte)

Auswahl sicherer Instrumente (Sicherheitsgeräte)

 

Es bleibt trotz des Einsatzes von sog. sicheren Instrumenten Tatsache, dass NSV ein häufiges Ereignis im Klinikalltag sind. So haben die Untersuchungen der 15 Kliniken/ Klinikverbünde gezeigt, dass trotz des Einsatzes von sicheren Systemen die Anzahl der gemeldeten Nadelstichverletzungen im Jahr 2016 im Vergleich zum Jahr 2015 um 10 % zugenommen hat (Grafiken 4 bis 5).

Grafik 4: Untergliederung der NSV hinsichtlich der Instrumente mit und ohne Sicherheitsmechanismus
Grafik 4: Detaillierte exemplarische Darstellung der von NSV am häufigsten betroffenen medizinischen Fachgebiete

 

Grafik 5: NSV pro Berufsgruppe der Jahre 2015 bis 2017
Grafik 5: NSV pro Berufsgruppe der Jahre 2015 bis 2017

 

Ob bei den täglichen Blutabnahmen oder dem Einsatz operativer Instrumente, stets ist die Gefahr einer NSV nicht nur für Ärzte, sondern auch für die pflegerisch tätigen Mitarbeiter/innen sowie die medizinischen Assistenzkräfte gegeben.

Um NSV zu vermeiden, müssen zunächst die Ursachen für NSV ermittelt und geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Dazu sind Arbeitgeber gemäß der Technischen Regel für biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250 verpflichtet. Häufige Ursachen für NSV sind Zeitdruck zum Beispiel infolge von Defiziten in der Arbeitsorganisation und Unachtsamkeit, auch als Ausdruck eines mangelnden Sicherheitsbewusstseins.

Damit zeigt sich, dass Nadelstichverletzungen ein wichtiger Indikator für Verbesserungspotential in allen medizinischen Fachbereichen sein können.

Werden neue sichere Instrumente eingeführt, muss die Anwendung zuvor ausgiebig geschult und geübt werden. Kommt es trotzdem zu einer NSV müssen die Mitarbeiter/innen über die notwendigen zu ergreifenden Maßnahmen Bescheid wissen (Notfallplan nach einer NSV!). Das schließt ein, dass sie über die Risiken bei NSV aufgeklärt sind. Das Verhalten nach einer NSV einschließlich der Meldung und Dokumentation muss in den medizinischen aber auch in den Servicebereichen der Kliniken klar festgelegt und bekannt sein.

Es gilt Nadelstichverletzungen zu vermeiden!

Unser Ziel ist eine Verbesserung des Arbeitsschutzes für die Beschäftigten zu erreichen. Dazu gehört, dass Arbeitsunfälle einschließlich NSV hinsichtlich ihrer Ursachen analysiert werden, um technische, organisatorische Mängel oder persönliche Fehler zu beheben und Arbeit damit sicherer zu gestalten. Jede Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall zu viel!

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